ausführlicher Lebenslauf

Ich bin am 4. Mai 1961 in Homburg/Saar geboren; meine Kindheit war schön,  wirklich schön, in der Erinnerung hell und sicher, mit Eltern, die gerne Kinder hatten und die viel Zeit für Sport, Musik, Lesen, Zeichnen und Freunde aufbrachten. Das heißt nicht, das
alles problemlos gewesen ist, aber es war eine gute Zeit.

Nach dem Abitur 1980 habe ich nach dem Vorbild meines bewunderten Vaters Medizin in Bochum studiert. Die Medizin wurde nie ganz hundertprozentig meine Herzensangelegenheit, ich habe sie teils studiert, weil ich nicht genau wusste, was ich wirklich wollte, teils weil ich dort die Möglichkeit hatte, Karate bei Bundestrainer Hideo Ochi zu trainieren. Während der gesamten Studienzeit bis 1987 war ich Mitglied der Karate-Nationalmannschaft. Auch damals war ich schon sehr von dem Gedanken fasziniert, Erleuchtung zu erlangen. Karate war mein erster Versuch und Sensei Ochi war mein Meister, den ich verehrte und den ich auch heute noch als großes Vorbild in seiner Disziplin und Zuwendung an seine Schüler in Erinnerung habe. Ich erwarb dabei die Fähigkeit mich intensiv zu konzentrieren und wohl auch ein gutes Stück Willenskraft. Jedenfalls war ich in meinem Sport relativ erfolgreich –  ca 8 oder 10 Mal Deutsche Meisterin, ein paar Mal Junioreneuropameisterin, 6 x Europameisterin,  Teilnehmerin bei Weltmeisterschaften – und wurde schließlich von Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit dem Silbernen Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Erleuchtung habe ich allerdings dabei nicht im Mindesten erlangt.

Nach dem Ende des Studiums war ich 1987 – 1989 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Immunologie LMU München und habe dort 1988 zum Thema „Immunzytochemischer Nachweis von Tumorzellen im Knochenmark“ mit summa cum laude promoviert. Nach der Promotion habe ich dann das Glück gehabt, an dem sehr guten Institut für Anästhesiologie der Ludwig-Maximilians-Universiät in München die Facharztausbildung zur Anästhestin machen und abschließen zu können.

Mein eigentliches richtiges Leben fing aber mit der Ordination als buddhistische Nonne an. Ich habe sie in der tibetischen Gelug-Tradition 1998 bei Geshe Jampa Gyatso erhalten und empfinde sie noch heute so wie am ersten Tag: Es ist mir eine große Ehre zum buddhistischen Sangha zu gehören, den Nachfolgern des Buddha, die seit zweitausendfünfhundert Jahren die Lehre des Buddha, eine der edelsten Quellen von Glück und Frieden in dieser Welt aufrecht erhalten. Den Wunsch Nonne zu werden hatte ich nachdem ich drei Tage lang buddhistische Unterweisungen im Indischen Dharmasala gehört hatte. Das einzige, was mich noch davon abhielt, war die Angst vor kalten Klöstern. Als mir ein Mönch sagte, dass es auch in seinem Leben ab und zu eine warme Dusche gäbe, war die Sache für mich geregelt. Ich habe es nicht eine Sekunde lang bedauert und auch meine Mutter findet, dass ich nie einen besseren Haarschnitt hatte.

Bei dieser Reise nach Indien und Nepal, nach einem dreimonatigen Vajrasa2013-03-03 02.47.08ttva-Retreat, hatte ich das Privileg, Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zu begegnen, und habe von ihm die Empfehlung erhalten, das Masters Programm bei Geshe Jampa Gyatso am Tsongkhapa Institut in Italien zu studieren. Er sagte „Es muss nicht Italien sein, aber Geshe-la ist sehr gut!“. Das reichte mir und so wurde es auch Italien für die nächsten sechzehn Jahre.

Ein letztes Mal habe ich noch eine Urlaubsvertretung in der Anästhesie gemacht. Der vierundachtzigjährige Pfarrer, der damals operiert wurde, der letzte Patient, den ich hatte, wollte sich mit mir über mein Leben unterhalten. Ich sagte ihm, dass ich ehrlich gesagt, aus der Kirche austreten und Buddhismus studieren und unterrichten wollte. Da sagte er zu mir: „Da haben Sie recht! Der Buddhismus hat der Welt viel zu geben. Studieren Sie ihn und unterrichten Sie ihn und jetzt gebe ich Ihnen meinen Segen!“. Da habe ich also zum ersten Mal im Leben vor einem katholischen Pfarrer gekniet und von diesem wunderbaren Menschen den Segen erhalten, Buddhismus zu studieren.

Mit all dieser Inspiration bin ich nach Italien gefahren und ich habe den Eindruck, dass damit mein eigentliches Leben begonnen hat. Ich habe seit inzwischen fast sechzehn Jahren dort eine wunderbare Zeit verbracht. In Geshela  habe ich einen hervorragender Meister in Sutra und Tantra und einen wirklichen spirituellen Freund getroffen. Ich habe bei ihm das Masters Programm für Sutra und Tantra studiert, habe viel Rat von ihm erhalten und unter seiner Anleitung viele Retreats allein und mit ihm zusammen gemacht.

Das Studium war nicht leicht, die Texte waren noch kaum übersetzt, wir waren vierzig Studenten aus vierzehn Ländern, jeder mit ganz unterschiedlicher Kultur, Sprache, Alter, Ausbildungshintergrund. Wir waren zusammengewürfelt, damals hatten wir am Institut nicht genügend Räume, wir wohnten zu mehreren zusammen. Ich erinnere mich, dass ich ein und ein halbes Jahr lang keinen Platz hatte, an dem ich sitzen und lernen konnte, ich musste die Nonnen, die eine Küche hatten, bitten, bei ihnen sitzen zu dürfen, was sie mir damals nur sehr ungern erlaubten. Mit der Zeit wurde aber alles besser und den  Abschluss der Studien habe ich zuguterletzt zusammen mit meinen Dharmafreunden mit „High Honors“ bewältigt.

Auch nach seinem Tod ist Geshela der von mir zutiefst verehrte Lehrer. Geshela war ein großartiger Mensch. Er war sehr warm, ungemein spontan und ungezwungen und unglaublich offen. Er sagte alles frei heraus, wie er es dachte, er war  nie berechnend, immer auf der Seite aller Lebewesen.

Er kritisierte auch, aber immer mit Liebe und er verletzte niemals jemanden, weil er niemals jemanden verurteilte, sondern immer Respekt vor der Person spüren ließ.

Er war humorvoll, völlig frei von Eitelkeit, nie auf sich selbst bedacht. Jeden Tag ging er durch das ganze Institut und besuchte alle. Jeder fühlte sich gesehen, jeder hatte die Chance, mit ihm zu sprechen, jeder konnte ohne Termin in sein Zimmer kommen, jeden nahm er ernst, jeder war ihm wichtig. Selbst nachts um 4 nahm er den Telefonhörer ab. Nur manchmal, wenn jemand zum achten Mal anrief, zog er den Stecker raus – aber er  sah am nächsten Tag nach, wie es der betreffenden Person ging.

Status und Titel waren ihm egal. Einmal stellte sich ihm ein Besucher vor und sagte „Ich heiße Mario und komme aus Rom, und wie heißt Du?“, sagte Geshela:  „Ich heiße Jampa und bin Mönch und ich wohne hier“.

Aber wenn es nötig war, zeigte er, dass er nicht so einfach war, wie er auftrat. Es war jedem von uns klar, dass er unseren Geist vorwärts und rückwärts las, wenn wir mit ihm sprachen. Nichts entging seinem panoramischen Bewusstsein. Als ich eine Flasche Öl für ihn gekauft hatte und in der Tüte aus Versehen noch eine Blume mit drin geblieben war, die ich eigentlich nicht für ihn gedacht hatte, kam er nach einiger Zeit bei mir vorbei und sagte: „Ich habe das Gefühl gehabt, dass die Blume nicht für mich war, ich wollte sie Dir wiederbringen“.

Er war ein Bodhisattva, der alle Lebewesen gleich liebte, der niemanden bevorzugte, niemanden benachteiligte, bei dem alles, was lebte, willkommen war. Als ihn eine Schülerin fragte, wie es für ihn gewesen sei, sein Land und seine Familie zu verlieren, sagte er, „Mein Land ist die ganze Welt und meine Familie sind alle Lebewesen, daher war ich nie unglücklich“.

Er war sehr bescheiden, aber wenn es sein musste, hatte er kein Problem zu sagen, was er war. Als ein Kind ihn fragte „Geshela, bist Du ein großer Lama?“, da sagte er „Ja, Rocco, ich bin ein großer Lama.“

In seiner Gegenwart fielen alle Komplikationen des Lebens von einem ab und alles wurde einfach. Was ich noch nicht gesagt habe: Er war Lharampa Geshe und hatte 45 Jahre Klosterausbildung, darunter 22 Jahre philosophisches Studium und 6 Jahre Tantrastudium genossen, bis er nach Europa kam. Er war ein großartiger Gelehrter in Sutra und Tantra und ein völlig qualifizierter, wunderbarer Vajrameister. Vor allem war ein unglaublicher Mensch.

Er starb zwischen zwei Studienprogrammen. Das eine hatte er noch fertig unterrichtet, das andere hatte noch nicht angefangen. Wir hatten gerade unser Vajrasattva-Retreat beendet, alle Mantren waren gezählt, es war nur noch die Feuerpuja zu tun. Dazwischen waren ein paar Tage Zeit, bevor alle zu den Teachings des Dalai Lama nach Mailand fuhren. Diesen Slot hat er genutzt, um zu sterben ohne jemandem Mühe zu machen, so einfach und rücksichtsvoll, wie er gelebt hatte.

Ich verehre Geshela, er hat mir alles gegeben, was ein Lehrer einem Schüler geben kann, Freundschaft an erster Stelle, Zuverlässigkeit, sein Wissen, seine Liebe, seinen Rat. Aber ich habe Geshela nie vermisst, gerade weil er mir alles gegeben hat. Wir haben unsere Zeit gut genutzt und sind uns nichts schuldig geblieben. Wir werden uns wiedersehen und es wird wieder gut sein.

Ich habe natürlich auch Unterweisungen erhalten von anderen Lehrern wie Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, Kyabje Zopa Rinpoche, Lama Kirti Tsenchab Rinpoche, Denma Lochö Rinpoche, Chöden Rinpoche Seiner Eminenz Dagri Rinpoche, Geshe Tenzin Tenphel, seiner Eminenz Dagyab Rinpoche, dem Ehrwürdigen Khensur Rinpoche Geshe Jampa Tekchog – der für mich ein großes Vorbild von einem ehrwürdigen Gelehrten und liebevollen Menschen ist.
In den Jahren 2005 – Ende 2007 hatte Geshela mich gebeten, als Tutorin für das Grundlagen-Studienprogramm in Sutra und Tantra am Lama Tzong Khapa Institut zu arbeiten. Unter seiner Anleitung habe ich die Möglichkeit gehabt, den Unterricht für die internationalen Studentinnen und Studenten und  zahlreiche Retreats in Sutra und Tantra zu leiten. Ich war oft sehr gestresst, weil ich zeitweise gleichzeitig die englische und die Italienische Gruppe leitete, aber er beriet mich und unterstützte mich in allem. Nach seinem Tod, von 2007 – 2009 habe ich dann Kurse gegeben, Übersetzungen gemacht und zum zweiten Mal das Masters Programm studiert, um die Inhalte weiter zu vertiefen. 2009 habe ich wiederum ein Tutoriat für das Masters Programm am Lama Tzong Khapa Institut unter Khensur Rinpoche Geshe Jampa Tekchog, Geshe Tenzin Tenphel, Geshe Jampa Geleg übernommen, das bis Ende 2013 andauern wird.

Daneben war ich Kursleiterin der jeweils dreijährigen Studienprogramme – Grundlagen und Madhyamakavatara – am Tibethaus in Frankfurt und am Panchen Losang Chögyen Zentrum in Wien, die jeweils sehr intensiv und sehr fruchtbar gewesen und durch die wertvolle Verbindungen entstanden sind. Seit 2012 unterrichte ich auf Bitten von Schülerinnen und Schülern Studienkurse über Uttaratatantra und Bodhicittavivarana in Wien, Hannover/Braunschweig und Weiterstadt.

Mir ist im Laufe der Zeit klar geworden, dass es mir vor allem darauf ankommt,  präzise mit klassischen Texten umzugehen. Vor allem auch durch den Einfluss Seiner Heiligkeit wird mir klarer, wie wichtig die Texte der indischen Tradition für uns sind und sie faszinieren mich. Dazu kenne ich den westlichen Geist und weiß, welche Fragen wir uns stellen, welche Bilder in unserem Kopf sind, ich weiß, was wir lustig und was wir unmöglich finden, was für uns sofort offensichtlich und was zunächst völlig undenkbar ist. Ich habe ein hohes Bedürfnis nach Klarheit und Struktur und so lehre ich auch oder versuche es jedenfalls. Ich versuche in jedem Augenblick, an die Lebenserfahrung europäischer Hörerinnen und Hörer anzuknüpfen, ohne die Tiefgründigkeit des Dharma zu verwässern. Im Gegenteil, die Tiefgründigkeit einer Sache erschließt sich vor allem dann, wenn ein Inhalt völlig kulturbereinigt logischen und menschlichen Sinn ergibt.

So kann altes Wissen zu gelebtem Wissen werden und dadurch weiterleben. Es kann und muss Unterstützung für die individuelle Meditation geben. Ich lege Wert darauf, dass Studium und Praxis nicht als getrennte Dinge gesehen, sondern dass sie miteinander verbunden werden. Neben meiner täglichen Praxis – manchmal zwei, manchmal sieben, im Durchschnitt 3 bis 4 Stunden – habe ich daher seit 1997 zahlreiche Retreats in Sutra und Tantra durchgeführt und versuche, jeden Kurs, den ich leite, mit einem Meditationsretreat abzuschließen, um den Schülerinnen und Schülern  die Möglichkeit zu geben, das gelernte Wissen ebenfalls in die eigene Erfahrung zu integrieren.